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Platz 2: Für immer und Selig

„Das Mädchen auf dem Dach träumt von Heldentaten. Sie will nicht länger warten und schreit es in die Nacht.“ So oder so ähnlich könnte es gewesen sein, als sich 1992 fünf junge Männer in Hamburg zu einer Band zusammenschlossen. Als Sänger mit dabei: Jan Plewka; der Junge, der als Neunjähriger mit Pappgitarre in der Hand Blackfire gründete und damals wie BAP werden wollte. Stattdessen wurde aus ihm zusammen mit Lenard “Leo” Schmidthals, Christian Neander, Stephan “Stoppel” Eggert und Malte Neumann Selig. Eine Band auf dem Dach, die irgendwo zwischen Rio Reiser und Pink Floyd träumte, zwischen gefühlvollen Traumpassagen und naiven Abenteuern von Mitzwanzigern. Die Musik machte, die Menschen berührte, in einer Zeit, in der Musik das noch konnte. Mit “Ohne dich” schufen die Fünf eines der ehrlichsten Liebes- oder Liebesendelieder, welches bis heute nichts von seiner Bedeutung verloren hat. In vier Jahren brachten sie drei Alben heraus, tourten, wurden Popkultur. Später sollte Jan über diese Zeit sagen, dass die vier Jahre Selig gereicht haben, um sich zehn Jahre davon erholen zu müssen. „Wir sind eine Band, die aus dem Unterbewusstsein arbeitet“, erzählte der Sänger bei TV Noir. Ein Umstand, der dazu führte, dass die vorerst letzte Platte “Blender” im Nachhinein zu einer Vorsehung wurde, zu einem Anzeichen für die kommende Implosion. Selig wirkte wie eine Vision, deren Manifestierung zunehmend schwieriger wurde. So trennte sich die Band 1997 und Jan Plewka floh mit seiner Frau Anna und der neugeborenen Tochter nach Schweden. Ende.

„Eigentlich war’s bisher doch sehr entspannt
Sie zieht aus verlässt das Land
Wenn sie mich fragt komm ich mit
schon zu lang hab ich vermisst“

Im Podcast “Wache Menschen” erzählt er Tex von seinen Dämonen, die er in einer Hütte ausgeschwitzt hat und den unzähligen Kassetten, die Jan dort aufgenommen hat, obwohl er der Musik den Rücken kehren wollte: „Am Ende macht man das, was man am besten kann.“ So produzierte der Sänger und Liedermacher solo zwei Alben, von denen das erste “Flugzeuge, Bars und Cafés” erst 2016 veröffentlicht wurde. Für die Rohfassung der zweiten Platte “Zuhause, da war ich schon” reiste er mit Komponisten und Wegbegleiter Marco Schmedtje eine Woche lang nach Spanien. Darauf folgten Bandprojekte wie Zinoba und TempEau, bei denen zumindest ein Teil von Selig in Form von Schlagzeuger Stephan Eggert wieder dabei war. Doch nichts hatte lange Bestand. 2005 wagte Jan Plewka dann einen Schritt, gegen den er sich lange weigerte. Privat ist er schon lange ein Rio Reiser-Fan, doch seine Lieder wollte er nicht singen. Zu groß die Fußstapfen. Eine Art Gotteslästerung. Wem auch immer sei Dank, hat er es dann schließlich doch getan und tourt seitdem regelmäßig mit “Jan Plewka singt Rio Reiser” durch Deutschland. Den Zuhörer erwarten seitdem Konzerte ebenso durchmischt von verschiedenen Gefühlen wie die Musik selbst. Manchmal gefühlvoll, mal skurril, mal am Theater angelehnt, mal mit dem Klingelbeutel für Wegbier in der Hand.

Für immer und Selig

Bei allem, was Jan Plewka auf diesem Weg produzierte, bei allen Umwegen und Versuchen, schien immer eines beim Zuhören mitzuschwingen: Selig. Die bildhafte Sprache, die emotionalen Inhalte, das Unterbewusste, die Liebe und der Schmerz – sie begleiteten ihn unausgesprochen über die Zeit. Doch obwohl es nie richtig leise wurde, ging erst 2008 ein Aufatmen durch Deutschland. „Wir werden uns wiedersehen, vielleicht nur um zu verstehen, dass das Leben an sich, manche Wunder verspricht, ob du’s glaubst oder nicht, ich vergesse dich nie.“ Ein Refrain wie eine traurige Liebesbotschaft an die Vergangenheit – es ist vergeben und vergessen, doch vergesse ich dich nie. Selig sind zurück. Erwachsener, reifer, mit Texten, die heute vielleicht noch besser funktionieren als damals. Noch mehr Bilder, noch mehr neue Welten, noch mehr Selig: „Und endlich unendlich“. Als habe es die Zeit gebraucht, um den Kreis zu schließen. Scheinbar brauchte es die Wut, die sie trennte, um sie erneut zu formen. So ist die größte Liebe oftmals auch die schmerzhafteste. In einem Interview mit der Frankfurter Neue Presse erzählt Jan: „In den 1990ern hieß unser Motto: Zu viel ist nicht genug. Jetzt heißt es: Bitte nicht alles auf einmal!“ Nach der dritten Platte „Magma“, weiß der aufmerksame Zuhörer auch warum: „denn das hatten wir schon mal.“

Für eine bessere Welt

Nun ziehen Selig wieder durchs Land, mit hoffnungsvollen Sehnsuchtsphantasien, mit kleinen Inseln der Liebe, um diese Welt wieder mitfühlender zu machen. So ist es und war es schon immer. Auch mit Jan Plewkas Bandkollegen Marco Schmedtje, mit dem er “Between the Bars” aufgenommen hat, singt er gemeinsam die Lieblingslieder von Selig und Zinoba, aber auch von Simon & Garfunkel, Ton, Steine, Scherben sowie von “Schöne Geister”, dem Album von Marco. Sie lassen sich durch die Jahrzehnte treiben, durch ein bewegtes Leben. Als Konstante dient die Liebe, die immer mitschwingt. Das Spirituelle und auch ein wenig der Schmerz. Die gemeinsame Kassette der beiden ist dabei eine Rückschau, das aktuelle Album von Selig “”Kashmir Karma” ein Fingerzeig in eine bessere Zukunft.