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Bosse – Irgendwo dazwischen

Mit 16 Jahren wohnte Alex Aki Bosse bereits eine solche Selbstverständlichkeit der Musik gegenüber inne, dass er seine Sachen packte und sein Elternhaus verließ, um zu musizieren. Das macht er bis heute, von daher gibt die Zeit seiner Entscheidung Recht – so wie sechs Studioalben und unzählige textsichere Fans. Nun ist dieser gute Typ auf Platz 9 unseres Countdowns zu 100 Millionen Views gelandet.

Bosse – einer von uns

Auf Bosse können sich am Ende des Tages alle einigen. Selbst die hartgesottensten Kitschverächter und Vermeider deutscher Sprache hören in ruhiger Minute hin und wieder ein‘ Track bis Album. Nicht, weil die Musik so gefällig wäre oder gar gleichgültig, vermutlich nicht mal, weil der Typ so provozierend sympathisch ist, sondern weil die Texte auf eine Art berühren, die sich von jeglicher Pose frei macht. Bosse macht Lieder, die dem Leben so unaufgeregt entgegenstehen, dass sie wirklich jeden erwischen. So sehr sich die jeweilige Person auch weigern mag, es gibt ihn immer, diesen Moment, in dem es „Ach Scheiße, jetzt ist es doch passiert“ durch den Kopf schießt. Das mag viele Gründe haben: Vielleicht ist es die angeborene Natur des Sängers, aufgrund der er sich auf dem Dorf lange Haare wachsen ließ, obwohl er deswegen von anderen Kindern Mozart genannt wurde oder gerade weil er dadurch von Nazis kassieren musste. Oder es ist seine Art, die nie arrogant, sondern stets ehrlich daher kommt. Die dazu führt, dass der Musiker beim Echo (aus gegebenem Anlass noch witziger) seinen Mittelfinger dem Rassismus entgegen hob, aber sich auch sonst offen gegen jegliche Form von Hass engagiert. Sei es durch Worte, Gesten oder auch durch die Spende seiner Konzerteinnahmen an die gemeinnützige Organisation Hanseatic Help, die sich für unter anderem für Obdachlose stark macht. Es könnte aber auch die Einstellung zur Musik sein, die für ihn immer im Vordergrund steht. In diversen Interviews erzählt er davon, wie er von Landschaftsbauer bis Merchandiser auf Festivals alles gemacht hat, was es ihm ermöglichte, direkt oder indirekt Musik zu machen und wäre er nicht Sänger geworden, dann doch immerhin Roadie.

Vielleicht ist es aber auch die Tatsache, dass sein Erfolg nicht mit einem Schlag kam, sondern er nach und nach mit ihm wachsen konnte. Die aktuelle Veröffentlichung „Engtanz“ landete zwar auf Platz 1 der deutschen Charts, doch dauerte es bis dahin sechs Alben. Ein Umstand, der Bosse laut eigener Aussage egal ist, ebenso wie die letztendliche Platzierung seiner Platten. Im Fokus stehe immer die Musik. So finden sich die Inspirationen nicht in irgendwelchen kruden Gedankenspielen, sondern im Supermarkt, der Familie, Istanbul oder allem anderen, was einem Menschen tagtäglich begegnen kann. Dadurch fühlen sich die Inhalte bis heute nicht danach an, als würde Aki über Themen, die weit hinter ihm liegen, philosophieren, sondern als durchlebte der Sänger die Freude und den Schmerz, die Verzweiflung und die aufblühende Hoffnung mit uns. Als wäre er einer von uns – und vermutlich ist genau das das Geheimnis.