Das gezeichnete Ich

Die Gratwanderung zwischen dem Intellekt und dem rein Seelischen, wie sie nicht wenige Künstler umtreibt, spiegelt sich auch auf dem Debütalbum des Gezeichneten Ich. Mal schlagen die Lieder mit barocker Wucht zu und entfalten einen symphonischen Furor, der ans Metaphysische rührt. „Hallelujah“ ist so ein Lied. Mal beherrscht die Faszination für die Naturwissenschaften, unsere ausrechenbare Vergänglichkeit das Geschehen, bauen sich Lieder wie „Vergangenheit“ und „Lichtjahre“ auf wie Fraktale in der Mathematik. Übersteigerte Britpopdramaturgie („Nebel“) findet sich hier neben einem perfekt gezündeten, beatlesken Harmoniefeuerwerk („Beste Zeit“ – und was für ein weiser Epilog auf die Liebe ist das). Ganz sanftmütig das Abschied Nehmen in dem von Harmonien und Chören trunkenen „Du es und ich“ („Glück lässt mich verdursten, doch ich rechne mit dem Wolkenbruch“) und noch zärtlicher, zerbrechlicher das Liebesbekenntnis „Blume“. Hier schlägt das Herz und reißt die Seele. Sind wir nicht alle auf der Suche nach solchen Liedern, die für wenige Momente, Minuten nur, die Welt aus den Angeln heben? Man lausche nur nach Innen. Je t’aime (moi non plus). Hey Jude. Tausend Tränen tief: Lieder mit starkem Sentiment, einem spürbaren Funken Wahrheit und von unglaublichem Bestand. Das Gezeichnete Ich ist auf der unendlich scheinenden Suche nach solchen Trüffeln des Pop, diesen kulinarischen Highs, ganz schön fündig geworden.

8 mal geküsst!