Bosse
Im Sommer 2010 hatte ich die Gelegenheit, einmal zu beobachten, wie ein vollkommen unbelecktes Publikum auf die Lieder Axel Bosses reagiert, in diesem Fall akustisch und im Alleingang. Das auffälligste Phänomen dabei war das gerührte, zustimmende Nicken. Ein Nicken mit Feuchtigkeit in den Augen. Zum Ende hin spielte Bosse„Frankfurt Oder“ vom zweiten Album „Guten Morgen Spinner“, eine vollendete Ballade darüber, dass alles stimmt, wenn der geliebte Mensch da ist. Auf „Wartesaal“ wurde das Lied erneut aufgenommen, perfekt bereichert durch die Schauspielerin und SILLY-Sängerin Anna Loos als zweite Stimme. Als der letzte Ton verklang, flüsterte ein Zuhörer: „Scheiße, ist das wahr!“
Besser kann man nicht ausdrücken, was mit einem passiert, wenn man Bosse hört. Diese Stimmlage und Phrasierung, die niemand anders teilt und die einem das Gefühl gibt, ganz nah dran zu sein, aber zugleich einem Werk zuzuhören, das nicht als Tagebuch hingeschludert wurde, sondern als Entwurf, der sich selbst und seine Hörer ernst nimmt.
Es gibt viel zu viel reine Befindlichkeit und reines Rollenspiel in der deutschen Rockmusik, aber es gibt nur ein „Scheiße, ist das wahr!“, bei dem man Tränen in den Augen und Glücksgefühle im Herzen hat. Es kommt von Bosse.
Oliver Uschmann

47 mal geküsst!
