Sei ein Faber im Wind – ein popkultureller Gegenentwurf

In Neues von Jan Kempinski

Eine einsame Trompete und ein Klavier im Hintergrund. Im ersten Moment klingt das Intro von Fabers erstem Album „Sei ein Faber im Wind“ wie ein europäischer Western. Kein klassischer Einstieg für ein Erstlingswerk, dessen erster Refrain darüber hinaus mit „Zieh dich aus, du kleine Maus, wem du’s heute kannst besorgen, dem besorgst du’s morgen auch“ beginnt. Faber ist bewusst ein streitbarer Nachwuchskünstler, der keinen Hehl daraus macht, was er gut findet und was nicht. So spielte er als Vorband von AnnenMayKantereit nur italienische Liebeslieder und als Zugabe in einer Kirche in Dortmund grinsend ein Lied über die Liebe zu einer Prostituierten. Immer irgendwo zwischen politisch aufgeladen und wunderschönem Liebeslied. Jedoch wissen die Fans, die seit der ersten EP 2015 auf das Album warten, wer Faber zu schnell in eine Schublade steckt, tut ihm Unrecht.

„Ich bin bestimmt kein Rassist
Und gegen Ausländer habe ich nichts
Aber ich schau euren Schlauchbooten beim Kentern zu
Im Liegestuhl, am Swimming Pool, am Mittelmeer
Kratz mich am Bart, kratz mich am Bauch
Wer nicht schwimmen kann, der taucht
Wer nicht schwimmen kann, der taucht.“

Damals stand Faber bei seinen Konzerten lediglich mit Ein-Mann-Band Tillmann Ostendarp – einem Mann wie sein Name – auf der Bühne. Tillmann saß stets in Jogginghose und buntem Hemd (was er bis heute so hält) neben ihm und trug die Lieder mit Posaune und Bassdrum, während Faber beim Singen aussah, als würde er gleich vor Ekstase Blut spucken. Die raue Stimme bricht gezielt zum Inhalt der düsteren Texte, ein Fall auf die Knie. Doch so schroff und abgeklärt die Texte sein mögen, so bescheiden und fast schüchtern wirkt der Musiker auf der Bühne zwischen seinen Liedern. Mit großem Respekt vor seinem Mitmusiker und Dankbarkeit gegenüber dem Publikum.

„Ein Tag im Leben einer Stunde, das nennst du Philosophie,
und die Liebe ist im Grunde eigentlich auch nur Chemie,
Wer nicht schwimmen kann, der taucht‘ findest du ein starkes Lied,
wegen der Ironie im Text und den schönen Harmonien.“

Seitdem hat sich einiges geändert. Neben Tillmann gibt es nun drei weitere Musiker auf der Bühne und einige alte Lieder wurden für das Album in Zusammenarbeit mit Tim Tautorat neu arrangiert. Etwas, was vielen Fans vermutlich den Angstschweiß ins Gesicht getrieben hat. Oft genug gibt es Künstler, die mit Band auf einmal überproduziert und belanglos wirken. Doch, auch wenn auf seinen Konzerten die Stimmung mittlerweile eine andere ist – mehr Instrumente, größere Bühnen und ein Publikum, das jeden Text mitzusingen weiß – ist sie in keinem Fall eine schlechtere. Sowohl live als auch auf seinem Album fühlt sich der Hörer wie in einem Tarantino-Soundtrack, mit spanischen Gitarren und einer E-Gitarre, einer Geige, einem Klavier, einer Posaune und dem nötigen Schmutz unter den Fingernägeln. Keines der Lieder wirkt wie ein Lückenfüller, alle scheinen gut durchdacht und durch persönliche Leidenschaft befeuert zu sein. So reihen sich tragisch-schöne Liebeslieder, denen jeglicher Kitsch fehlt, nahtlos an sozialkritische und politische Denkanstöße. Pop ist wieder kritisch. Alles untermalt mit scheinbar ehrlicher Emotion des Sängers und gelungenen sowie abwechslungsreichen, instrumentalen Arrangements. Tanzbare Melodien zu düsteren Texten. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass selbst Bandkollege Tillmann Fabers Liebeslieder mag, obwohl er solchen Songs sonst eher kritisch gegenübersteht, wie er in einem Video der Band erzählt.
Durch seine Band ist Julian Pollina, wie der Sänger gebürtig heißt, nicht glattgebügelter geworden, sondern lediglich noch schwerer einzuordnen. Anstoßen als Konzept. So kommen die musikalischen Einflüsse nun deutlich zum Vorschein. Der Musiker ist mit sizilianischen Volksliedern aufgewachsen, er liebt Trubai, die coolen Chanson-Franzosen, Polka, aber auch Folk und Nuancen aus den alten amerikanischen Stilen, lässt der Pressetext verlauten – der dem Musiker wohlmöglich selbst aufgrund des schmierigen Werbesprechs unangenehm ist. Doch so gut all die Einflüsse in Verbindung mit den so schönen wie unverblümten Texten funktionieren, ist es erstaunlich, dass ein 23-Jähriger dichtet wie eine wütende Version von Leonard Cohen.

„Pfeif sogar den dicken Mädchen nach
Um gut zu ficken muss man ja
nicht unbedingt ein Model haben
An dicken Titten nippen ist auch schön
Du bist zwar erst 13 Jahre jung
Für die Schule nicht zu dumm
Doch du weißt von deinem Vater,
wer zur Schule geht wird arbeitslos.“

Dennoch ist es interessant, dass ihn bereits jetzt alle Medien – von der Zeit bis Intro – mit Blumen überschütten. Sie mögen ihn als Typen, so anders als gewohnt, und das Album, so ehrlich und düster versehen mit ein wenig Humor. Allerdings stellt Faber den exakten Gegenentwurf zum heutigen Pop dar und könnte nun damit erfolgreich werden. Seine Texte sind durchzogen vom Unaussprechbaren: ertrinkende Geflüchtete, Prostitution, die Anziehung zu Minderjährigen, der Liebe, wie sie schöner doch sein könnte, der dunklen Seite vom Mond und der Selbstverdrossenheit. Das Unsagbare verpackt in schöne Worte. Ein Kontrast, der ihn begleitet. Denn wer sich so kritisch äußert, kann dem kommenden Erfolg nicht nur freudig gegenüber stehen.

„In Paris brennen Autos und in Zürich mein Kamin.
Wir Zwei sind glücklich, wenn wir beieinander liegen.
Auf dieser Welt hier ist Öl mehr wert als Wein.
Auf dieser Welt kann ich ohne dich nicht sein.
Auf dieser Welt kann ich ohne dich nicht sein.“

Faber scheint sich im Spannungsfeld von Popkultur und Ablehnung eben dieser zu befinden. Ein Musiker, der allem und jedem kritisch gegenüber steht, muss sich jetzt mit Aspekten auseinander setzen, die eigentlich nicht zur Musik passen. Auf Konzerten wirbt er mit anständiger Portion Selbstironie für den Merch, den er eigentlich albern findet, der „aber dazugehört.“ „Sei ein Faber im Wind“ ist kein Album, das jedem gefallen wird, aber eines, das momentan notwendig ist. Paradoxerweise macht dieser Umstand ihn zum Inbegriff einer journalistischen Floskel: einem der spannendsten Künstler. Faber wirkt wie ein Traum, der sobald er Realität wird, vergeht. Wie Omas Silberbesteck, dass nur zu besonderen Tagen zum Vorschein kommt und sonst gut gehütet im Schrank verstaut wird. Denn eigentlich will der Hörer Faber und seine Musik in ein Einmachglas stecken und für sich behalten. Es ab und zu ein Stück weit öffnen. Nicht, weil der Erfolg ihm nicht vergönnt sei, er wird ihm nur vermutlich nicht stehen.


Über den Autor
Jan Kempinski

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Jan Kempinski segelt als Ruhrpottkapitän Hömma über die ein oder andere hohe Welle. Allgemeine Organisation, Text und Social Media sind seine drei Weltmeere, aus denen die Kolumne „Seemannsgarn“ verkopft bis kritisch heraussticht. Der Misanthrop ist am ehesten auf einschlägigen Kulturveranstaltungen im Pott anzutreffen. Wenn er nicht gerade das Magazin Heimatdesign released, oder in Hinterhöfen fotografiert wird, liegt er auch montags mal Gauloises rauchend geschätzte 16 Stunden im Bett.