Gisbert zu Knyphausen – die Welt ist grässlich und wunderschön

In Neues von Jan Kempinski

Sieben Jahre sind ins Land gezogen, seit Gisbert zu Knyphausen sein letztes Soloalbum herausgebracht hat. Schmerzlich warteten Fans auf neue Werke, doch nachdem der Hamburger Nils Koppbruch – zweite Hälfte des Bandprojekts Kid Kopphausen – nach der Aufnahme der ersten gemeinsamen Platte „I“ überraschend verstarb, nahm sich der Musiker eine Auszeit. Es schien, als tastete sich der Singer und Songwriter seitdem langsam an die Musik heran und tauchte nach und nach in verschiedenen Projekten wieder auf. Sei es im Arrangement von Olli Schulz oder Anfang des Jahres in feinster Punkrock-Manier gemeinsam mit Der Dünne Mann (Viktoriapark) und Moses Schneider (Produzent: Beatsteaks, Tocotronic, etc.). Zusammen haben sie als Husten eine EP zur Vertonung des 2011 erschienenen Roman „Sowas von da“ von Tino Hanekamp aufgenommen. Die eigentlich fiktive Band wird zwar keine Liveauftritte geben, aber zumindest können sich Fans jedes Jahr auf eine EP bei Kapitän Platte freuen. Nun hat Gisbert zu Knyphausen sein neues Album „Das Licht dieser Welt“ angekündigt und zwei neue Songs als Vorgeschmack herausgebracht.

Mit dem Titelsong „Das Licht dieser Welt“ zum Film „Timm Thaler oder das verkaufte Lachen“ hat es Anfang des Jahres begonnen. Einem Film, dessen Name auch eines von Gisbert zu Knyphausens Alben tragen könnte. Nun kommt am 27. Oktober ein Album heraus, benannt nach dem Titelsong.

„Aus unseren schäbigen, alten Boxen strömen die Lieder / aus vielen, vielen, vielen Jahren direkt in unsere Herzen / ich hab die immer gleiche Losung auf den Lippen: die Welt ist grässlich und wunderschön“, singt Gisbert zu Knyphausen auf seinem letzten Album in „Es ist still auf dem Rastplatz Krachgarten“, eine Botschaft die sich auch auf „Das Licht dieser Welt“ widerzuspiegeln scheint. So bewegen sich die ersten beiden Lieder „Niemand“ und „Unter dem Hellblauen Himmel“ nicht nur beim Titel zwischen diesen beiden Polen.

„Unter den Platanen im Stadtpark
im leise rauschenden Wind
auf einer aschgrauen Parkbank
sitzt eine Mutter mit Kind
die Augen ihres Neugeborenen
sie leuchten wie zwei schwarze Laternen
und wenn sie tief hineinschaut dann ist ihr
als fiele sie zwischen die sterne
in die Tiefen des Universums
wie in eine andere Welt
in der alles zärtlich und warm ist
und mit Sinnhaftigkeit gefüllt
und sie fühlt sich so stark und frei
und warm, sie weiß sie ist nicht allein.“

Bei Letzterem erweist sich Gisbert zu Knyphausen erneut als Chronist der flüchtigen Momente, der sich entgegenstehenden Gefühle und der Schönheit, die im Traurigen verborgen liegt. Die Leichtigkeit des Sommers liegt dabei in der Melodie und lässt die Schwere vergessen: „Es ist ein Mittwoch kurz vor Herbst, die Sonne schiebt sich feige hinter die Wolken. Ach Liebling ich bitte dich, es war doch nur ein Scherz, ich weiß noch genau, was wir hier wollen und ich bleibe hier.“ So erklingt nach dem Versprechen zu bleiben, die letzte Strophe: „Unter dem Neonröhrenlicht auf den schweißnassen Laken mit Schläuchen an Maschinen gebunden liegt ein kranker und wartet, bis endlich einer reinkommt und den Mut hat seine Stecker zu ziehen. Ein Bote des Todes, der ihm zuhört, wie seine letzten Seufzer verklingen und der ihm dann sagt, es ist Zeit, du darfst gehen, du darfst gehen – du bist frei.“ Der Sänger sucht die großen Gefühle in den kleinen Momenten ohne dabei dem Kitsch zu verfallen. Es sind die Alltagssituationen, die er ihrer Belanglosigkeit beraubt.

„Als Mensch sucht man immer nach möglichst viel Bedeutung, die man aber über die Geschichte gesehen als einzelne Person gar nicht hat. (…) Ich finde es ganz gesund, wenn man sich das bewusst macht“, erzählt Gisbert zu Knyphausen in einem Ankündigungsvideo zum Album. In seinem Song „Niemand“ widmet er sich der Suche nach Bedeutung und der Erkenntnis, diese erst finden zu können, sobald sie nicht mehr wichtig ist. „Du fragst mich: Kennst du das auch, man blickt in den Spiegel und denkt man müsste so vieles sein? Es dauert lang, bis man lernt, bis man lernt ein Niemand zu sein.“ Dabei wäre der Song beinahe in einem anderen Kontext erschienen, wie der Sänger erzählt: „’Niemand‘ ist ein Song, der schon eigentlich fast zum Kid Kopphausen-Album entstanden ist. Aber ein bisschen zu spät, deswegen kam er nicht mehr auf das Album und irgendwie hat er drauf gewartet jetzt einen richtig schönen Platz zu bekommen und deswegen ist er der Eröffnungssong meines neuen Albums.“ So wird die neue Platte mit einem atmosphärischen Arrangement beginnen. Die Gitarre ist etwas aus dem Scheinwerferlicht gerückt, an ihre Stelle treten nun Vibraphone, Posaunen, Trompeten, Synthesizer und ein Klavier. Dazu ein Text, der sich irgendwo zwischen Realität und Metapher bewegt, zwischen Geschichte und Traum, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, zwischen Flüchten und Ankommen, zwischen Suchen und Finden – zwischen grässlich und wunderschön.

„Und kein königliches Wort
Kein Teufel, kein Gott
Kein System und kein Song
Werden dir je erklär’n,
woher es kommt
In einem Wirbel aus Staub
Und verwelkenen Laub
Oder ei’m Feuer und Rauch
Löst du dich irgendwann auf
Es wird genomm’n, was uns nicht gehört
Und frei, was frei sein will
Was frei sein will, was frei sein will
Was frei sein will
Was frei sein will, was frei sein will“


Über den Autor
Jan Kempinski

Jan Kempinski

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Jan Kempinski segelt als Ruhrpottkapitän Hömma über die ein oder andere hohe Welle. Allgemeine Organisation, Text und Social Media sind seine drei Weltmeere, aus denen die Kolumne „Seemannsgarn“ verkopft bis kritisch heraussticht. Der Misanthrop ist am ehesten auf einschlägigen Kulturveranstaltungen im Pott anzutreffen. Wenn er nicht gerade das Magazin Heimatdesign released, oder in Hinterhöfen fotografiert wird, liegt er auch montags mal Gauloises rauchend geschätzte 16 Stunden im Bett.